Xaver Stich – die Kolumne

Xaver Stich spürt in seiner Kolumne all das auf, was ihm beim Thema Lernen und Bewegung abseitig oder merk–würdig vorkommt. Die Kolumne erscheint regelmäßig in der Zeitschrift „erleben & lernen“ im ZIEL-Verlag, Augsburg.

Pokémon No

Nicht zu heiße, aber auch nicht zu kühle Sommernachmittage verbringe ich am liebsten in einem kleinen Park am Rande der Altstadt. So auch an jenem Freitag, diesmal in Begleitung des neuen Romans von Juli Zeh: Unterleuten. Unter Leuten wollte ich eigentlich nicht sein, eher meine Ruhe haben, um mich über das ziemlich exotische Gewese eines brandenburgischen Dorfes zu amüsieren. Aber irgendwie finde ich nicht die Ruhe für den über sechshundert Seiten starken Wälzer, weil mir alle fünf Minuten offenbar orientierungslose Zeitgenossen über die Beine stolpern. Ja, ich sitze auf einer Parkbank am Rande der großen Wiese, gegenüber von zwei mächtigen Rotbuchen, die außer mir anscheinend niemand interessieren. Die Zeitgenossen stolpern deshalb permanent über meine Füße, weil sie im Gehen auf ihre Klugtelefone starren, wobei ihre seltsame Wegführung nur Eingeweihte nachvollziehen können. Aber nun dämmert es dem digitalen Immigranten, wie sich die vor 1980 Geborenen heutzutage nennen: Pokemón Go ist unterwegs!

… bis der Arzt kommt

Was mich zunächst störte, ja nervte, animierte mich nach kurzem Nachdenken, über eben dieses Phänomen in meiner kleinen e&l-Kolumne zu schreiben. Etwa so: Wie es denn sein kann, dass ein Softwareunternehmen Millionen vorwiegend bewegungsfaule Kinder, Jugendliche und Erwachsene auf Trab bringt, woran tausende Erzieher, Sozialpädagoginnen, Lehrer und Übungsleiterinnen gescheitert sind? Schon vor Wochen wurden die ersten Pokémon-Jäger notärztlich behandelt, nachdem sie eine halbe Stunde durch den Wald gelaufen sind und anschließend vor Erschöpfung zusammenbrachen. Erfahrene Sportlehrer treibt es angesichts dieser Berichte Tränen in die Augen, denn sowas haben sie in langen Berufsjahren nie erleben dürfen. Und ausgerechnet eine IT-Klitsche schafft das quasi im Vorübergehen!

Doch am Abend dieses Freitags wird die Idee, über Pokémon Go zu schreiben hinfällig. Im Minutentakt berichten alle Medien über einen Terrorakt, später über einen Amoklauf, der sich kaum fünf Kilometer entfernt ereignet hat, überdecken alles, machen Pokémon & Co. zur Marginalie. Schon am nächsten Tag melden sich Politiker aller Couleur zu Wort, was jetzt – und unbedingt sofort – geschehen muss. Bevor die Zusammenhänge auch nur ansatzweise klar sind, werden im üblichen Populismus alle möglichen und unmöglichen Schnellschüsse in die Welt posaunt. Aber erst nach Tagen erfährt man Genaueres über Anlässe, Details und Hintergründe. Mindestens zwei Dinge kommen in meinen Augen bei der Berichterstattung zu kurz:

Zum einen wurde zwar darüber berichtet, dass der Amokläufer in psychiatrischer Behandlung war. Aus naheliegenden Gründen wurde nicht bekannt, unter welcher Medikation er stand. Es ist zu vermuten, dass die bei Depressionen häufig verordneten Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) zur Anwendung gekommen sind. Dabei stehen die SSRI in Verdacht, aggressives und suizidales Verhalten zu fördern. Nach einer Studie nahm die Zahl der Gewaltverbrechen, welche die Patienten verübten, während der Behandlungszeit mit SSRI signifikant zu – insbesondere bei den 15- bis 24-Jährigen[1].

Im Killermodus zum Flow

Zum andern wurde bekannt, dass der Amokläufer wie die meisten seiner Spezies regelmäßig Ego-Shooter spielte. Psychologen, Neurologen und Medienwissenschaftler sind sich zwar nicht einig, ob Spiele wie „Counter Strike Source“ zu gewalttätigem Verhalten führen. Eines jedoch kann man festhalten: Das stundenlange Zielen, Abdrücken, Nachladen am Computer schult die Auge-Hand-Koordination sowie die Reaktionsschnelligkeit des Spielers und führt letztlich zu einem Abstumpfungsprozess. Ein Amokläufer kann insofern am realen Tatort unmittelbar in den am Computer eingeübten Killer-Modus schalten und damit äußerst effektiv wehrlose Menschen verletzen und töten. Der Täter schießt sich in einen Flow, ist fixiert auf maximale Zerstörung und somit kaum zu stoppen. Ego-Shooting-Spiele sind somit ideale Trainingscamps für potentielle Amokläufer. Deshalb sollte man sie rigoros und strafbewehrt verbieten. Auch wenn dann Zehntausende von Spielern heftig protestieren würden, wäre dies angesichts der verheerenden Wirkung dieser Spiele zu verschmerzen. Sie müssten sich dann halt andere Betätigungsfelder suchen.

[1] Deutsches Ärzteblatt: Machen SSRI-Antidepressiva gewalttätig? http://www.aerzteblatt.de/nachrichten/64176 (abgerufen am 12.08.2016)

aus:
Xaver Stich: Pokémon No In: erleben und lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 5/2016, S. 30

 


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