Xaver Stich – Die Kolumne

Kollektives Aufatmen an deutschen Schulen: Die schmierigen Medizinbälle und versifften Weichbodenmatten können endlich raus aus den miefigen Turnhallen. Denn E-Sport zieht jetzt ein in die Erkläranlagen, sprich Schulen. Warum Ballspiele, Bodenturnen und Bauchaufschwünge, wenn man auf schweißtreibende Aktivitäten verzichten kann? Motorische Fähigkeiten, Auge-Hand-Koordination, Reaktionsvermögen, räumliches Denken kann man auch anders schulen – Brust, Bauch und Beine braucht man dazu nicht. Die ZEIT, die wir in der letzten e&l als die „gescheiteste Wochenzeitung Deutschlands“ bezeichnet haben, muss es ja wissen. Mit ihrer Initiative „E-Sport im Klassenzimmer“ will sie das „Gamer-Klischee vom übergewichtigen und ungebildeten Zocker“ aus der Welt schaffen. Bekanntlich sind die Schulen dank der Corona-Pandemie digital jetzt auf höchstem Niveau. Insofern kann man das Gamer-Equipment, wenn nicht gleich in den Turnhallen, dann doch wenigstens in den Klassenzimmern installieren. Die ZEIT beruft sich übrigens auf die Asienspiele im chinesischen Hangzhou, wo Computer- und Videospiele als olympische Disziplin vertreten sind. Wenn das kein Argument ist, diese auch hierzulande in die Lehrpläne aufzunehmen?

Ego Shooter an der Hochschule

Wobei: Die Wissenschaft ist uneinig, ob ausdauerndes Spielen am Computer für junge Menschen eher riskant oder eher entwicklungsfördernd ist. Die 68-Generation und vor allem die Boomer haben bereits im „Vor-Maus-Zeitalter“ mit den Pfeiltasten Moorhühner gejagt und Tetris-Balken gestapelt … – bis der Rechner abstürzte (was damals eher die Regel als die Ausnahme war). Bald schon übernahmen dann sogenannte Ego Shooter die Vorherrschaft. Es ging dann deutlich härter zur Sache. Aber auch kreuzbrave Oberstufenschüler, die jeder Oma, ob sie wollte oder nicht, ihren Einkaufstrolley über die Straßenkreuzung schob, übten sich begeistert in Ballerspielen. Gesellschaftlich anschlussfähig war das Gemetzel mit Maus und Tastatur von Anfang an. Natürlich sind Ego Shooter nicht die einzigen Spiele, mit denen man sich „vergnügen“ und mit anderen messen kann. Aber sie stehen meist oben auf der Liste, wenn es um Spiele auf dem Rechner geht. So auch bei der „Hochschule für angewandtes Management“ (HAM). Sie hat offenbar kein Problem mit dem seriellen virtuellen Töten. In der Vorstellung des Studiengangs „Esports Management“ wird ausdrücklich „Counter-Strike GO“ als, nun ja, Content angeführt. Ein „Game“, wo die Spielenden wählen können, ob sie sich der Gruppe der „Terroristen“ oder einer „Antiterroreinheit“ anschließen wollen. In der klandestinen Szenerie dominieren verwinkelte Straßenschluchten mit arabischen Schriftzeichen an den Wänden. Aus der Ich-Perspektive wird aus allen Rohren geschossen. Zwischendurch räumen Handgranaten bildgewaltig ab. Willkommen im Nahen Osten. Was in der realen Welt verstört und erschüttert, wird im Hörsaal fröhlich simuliert. Wer gut aufgepasst hat, kriegt den Bachelor in „Esports Management“. Nein, das ist jetzt pure Polemik, nehmen wir sofort zurück. Wie im Übrigen weite Teile dieses Beitrags, aber die e&l kann das verkraften, oder? Die HAM ist übrigens in Ismaning ansässig, das ein Einheimischer mal als das einzig lawinensichere Dorf Oberbayerns bezeichnet hat. Wo waren wir stehen geblieben?

Der Elektromotor ersetzt die Stützräder

Rein semantisch könnte man auch E-Bikes unter E-Sports subsumieren. Denn auch da braucht man Muskeln, Herz und Lunge eher weniger. Zugegeben, Fahrräder mit Elektroantrieb sind ein großes Plus für Menschen mit körperlichen Einschränkungen und Langstrecken-Pendler, die nicht verschwitzt und ausgepumpt am Arbeitsplatz ankommen wollen. Aber macht es wirklich Sinn, ein E-Bike für einen Vierjährigen anzuschaffen? Eine SZ-Redakteurin schwärmt jedenfalls davon, wie ihr Filius in diesem Alter sie selbst und andere Biker am Berg überholt und dabei offenbar große Freude hat. Es ist anzunehmen, dass er und sein ebenfalls mit Akku fahrender Bruder ihr körperliches Leistungsvermögen dabei krass überschätzen. Insofern geschieht es den Beiden nur recht, wenn sie bei den Bundesjugendspielen im 10-Minutenlauf gnadenlos abgehängt werden. Aber sie können sich ihre Erfolgserlebnisse ja dann bei den Ballerspielen holen.

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