Xaver Stich – die Kolumne

„Digitale Demenz“ heißt ein Bestseller von Manfred Spitzer, der mal in aller Munde war und nun beim weltweit größten Buchhändler auf Platz 10.242 abgerutscht ist. „Digitale Bildung“ hat sich als Begriff mit einer Selbstverständlichkeit durchgesetzt, dass einem als Freund des analogen Lernens fast schwindelig werden könnte. Zu Beginn der Coronakrise hatte man nach dem schnellen Schließen von Schulen, Kindergärten und Jugendzentren, nach der Absage aller gruppenbezogenen Aktivitäten im Freien noch auf die Virolog*innen gehofft, die empfahlen, beim Lernen an die frische Luft zu gehen, um die Aerosole – auch so ein Wort, das die Krise erfand – auszubremsen.

Christian Drosten, zugleich hochgejubelter und viel geschmähter Experte für das Virus sagte in seinem Podcast, die Schulen sollten ihren Unterricht nach draußen verlegen, damit würde man das Risiko minimieren. Und was passierte? Die Kultusministerien der zuständigen Länder konferierten zwar ausgiebig per Video, fassten aber teils krass voneinander abweichende Beschlüsse. Nur in einem Punkt waren sie sich einig: Wenn Präsenzunterricht, dann in den Klassenzimmern. Und sie strichen den Sportunterricht ganz und sagten alle Klassenfahrten ab. Sie machten also so ziemlich genau das Gegenteil dessen, was die Expert*innen empfahlen. Das Münchner Bildungsreferat ging sogar so weit, alle Aktivitäten außerhalb der Schulen bis zum Februar 2021 zu streichen.

Staaten nördlich von uns zeigen, dass es auch anders geht. So wird in Dänemark der Unterricht auf Spielplätze, in Parks, in Fußballstadien und sogar auf Friedhöfen verlegt (nachzulesen im Wissenschaftsmagazin Science). Die skandinavischen Länder unterscheiden sich, was Schule anbelangt, sowieso elementar von den Konzepten hierzulande. In der „Udeskole“, die in Norwegen, Schweden und zum Teil auch in Finnland und Dänemark zu einer festen Einrichtung geworden ist, findet einen Tag pro Woche der Unterricht draußen statt. Das muss nicht unbedingt in der Natur oder besser gesagt Kulturlandschaft stattfinden. So können auch Manufakturen, landwirtschaftliche Betriebe, Galerien, Theater oder Sozial- und Kunstprojekte im urbanen Umfeld geeignete Lernräume bereitstellen.

Doch Moment, unser Thema war ja „Digitale Bildung“ oder „Bildung 2.0“, bei der man schnell den Eindruck gewinnt, die Adressaten werden einer Input-Output- oder besser Output-Input-Mechanik unterworfen, die sich an maschinellen Lernvorgängen orientiert. Nach dem Motto: Wenn die Schulen endlich durchdigitalisiert sind und jede Schülerin und jeder Schüler nicht nur ein Klugtelefon, sondern zusätzlich auch noch ein Tablett (sic!) ins Klassenzimmer schleppt, dann ist alles gut. Wobei: Wann hat das deutsche Ministerium für Bildung und Forschung eigentlich sein 5-Milliarden-Paket für die „Digitalisierung der Schulen“, ja, so hieß das wirklich, vorgestellt? Das war 2015 und die Ministerin hieß Johanna Wanka. Kann sich da noch jemand erinnern? In dieser kleinen, unbedeutenden, aber immer wieder heftig diskutierten Kolumne haben wir uns damals ordentlich echauffiert über dieses höchst einseitige Engagement. Als ob gute Bildung an technischen Gerätschaften festzumachen ist. Ehrlicherweise und aus heutiger Sicht müssen wir an dieser Stelle bekennen, dass es nicht ganz schlecht gewesen wäre, hätte man die Schulen in der Zwischenzeit technisch ertüchtigt, die Lehrkräfte auf Schulungen geschickt und dafür Sorge getragen, dass für alle Schülerinnen und Schüler „Endgeräte“ zur Verfügung stehen. Wir waren da ein wenig auf dem Holzweg. Mea culpa.

Bei allem Hype um die Digitalisierung aber bleiben wir dabei: Der Lernende ist kein artifizielles Kompetenzbündel, sondern ein Wesen, das analoge Begegnungen braucht, Bewegung in der Gruppe und die Umgebung nicht nur als animierte Kulisse. Gebt euch also einen Ruck, ihr Schulbehörden, Direktor*innen, Lehrkräfte da draußen und traut euch, rauszugehen mit euren Kids! Später werden sie es euch danken. Sorry! Pathos-Modus: <off>.

 

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