Xaver Stich – die Kolumne

Cry Macho!

Das Kino war ja in den Hochzeiten dieser Seuche einer der wenigen öffentlichen Orte, in denen man sich halbwegs sicher fühlen konnte. Schon allein deshalb, weil die meisten Menschen lieber im heimischen Wohnzimmer sitzen, um dort vor riesigen Bildschirmen irgendeinen Streamingdienst fürs Binge Watching zu nutzen. Als Erklärung für die Boomer und die 68er-Generation: So nennen die Jüngeren das Komaglotzen mehrerer Episoden einer Serie am Stück. Die Kinos waren und sind also überwiegend leer. Vor allem am Nachmittag, wo Erlebnispädagog*innen sich die Zeit bis zum nächsten Auftrag um die Ohren hauen – und das schon seit geschlagenen zwei Jahren. Also auf ins Kino. Den neuen Film vom meistens großartigen Clint Eastwood wollte ich nicht verpassen, auch wenn dieser wie übrigens auch der eigentlich immer großartige Eric Clapton ziemlich fragwürdige Aussagen zur Seuche abgetextet hat. Aber Eastwood-Filme gehören ebenso zur Pflicht, wie die, sich mindestens einmal im Monat das Konzert von Cream in der Royal Albert Hall auf Youtube reinzuziehen. Für die – hoffentlich wenigen – Banausinnen unter den e&l-Lesern: Eric Clapton war der geniale Gitarrist der Band Cream, die sich im Jahr 2005 zu einer „Reunion“ zusammenfand.

Clint Eastwood spielt auch noch mit 90

Um es vorweg zu nehmen: Der neue Film von Eastwood ist schlecht, so richtig schlecht. Eastwood spielt einen alten Cowboy, der von seinem früheren Chef, einem Pferdezüchter genötigt wird, in Mexiko dessen Sohn zu entführen und zu ihm in die Staaten zu bringen. Dieser etwas durchgeknallte Junge hat seiner Mutter den Rücken gekehrt und schlägt sich mit Hahnenkämpfen durch. Eastwood gelingt es erstaunlicherweise, den Jungen zu überzeugen, mit ihm mitzufahren. Einfach deshalb, weil Eastwood auch mit neunzig nicht nur für Frauen unwiderstehlich ist. So sieht es das Drehbuch jedenfalls vor. Aber warum erzähl‘ ich das hier in aller Ausführlichkeit? Nun, ich stellte mir die Frage, warum dieser Film im Jahr 1979 spielt. Die Erklärung dafür ist ganz einfach: Heute hätte der Junge mit einem Smartphone gespielt und wäre erst gar nicht auf die Idee gekommen, einen Hahn so zu trainieren, dass er im Kampf mit anderen Hähnen Preisgelder einsammeln kann. Die Beziehung zwischen dem alten Cowboy Eastwood, dem zwar durchgeknallten, aber rührend naiven Jungen und dem Hahn mit dem Namen Macho (der Film heißt übrigens, nebenbei bemerkt, Cry Macho) hätte sich nie so entwickeln können, wenn es damals schon Smartphones gegeben hätte.

Die IT und die Pädagogik

Die etwas abgedroschen rührselige Story fiel mir sofort wieder ein, als ich neulich las, was der Referent für Bildung und Sport der Stadt München in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung zum Besten gab. Voller Stolz berichtet er dem Reporter, dass die Seuche ein „richtiger Katalysator“ für die Digitalisierung der Schulen sei. Der Stadtrat hätte „richtig Geld in die Hand genommen, viele Schüler-Leihgeräte, Lehrer-Dienstgeräte und mobile Router (sind) angeschafft“ [1] worden. Wenn das tatsächlich so ist, dann kann man das erst mal begrüßen, keine Frage. Wenn aber dann von einem „zweiten Schritt“ die Rede ist, mit dem man „jetzt die Pädagogik an die IT anpassen“ muss (ebd.), dann kommt man schon etwas ins Grübeln. Sollte die IT nicht die Lehrkräfte und Schüler*innen im gemeinsamen Lern- und Entwicklungsprozess unterstützen? Hat etwa die IT beim Lernen keine dienende Funktion? Muss sich die Pädagogik tatsächlich der IT anpassen und nicht umgekehrt? Zurück zum Film-Hahn, dem man angesichts dieser ganz speziellen Logik zurufen möchte: Cry Macho, Cry!

[1] Interview mit Florian Kraus, Referent für Bildung und Sport in der Süddeutschen Zeitung vom 27.12.2021, Seite R1

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