Xaver Stich – die Kolumne

Eigentlich kann man kaum etwas gegen eine Initiative „Beweg Dich schlau!“ einwenden. Es ist ja inzwischen hinlänglich bekannt, dass Bewegung nicht nur dem Körper generell guttut, sondern auch dem Areal, das man etwas flapsig als „zwischen den Ohren“ verorten kann. Doch um was geht es hier überhaupt? Nun, ein ehemaliger Skirennläufer, der neben seiner Karriere als Werbefigur (Procter & Gamble, Hypovereinsbank, Milupa, Albus, ÖPNV …) auch was wirklich Sinnvolles unternehmen will, startet eine Kampagne, mit der Kids zum Beispiel Jonglierbälle in ihre vom Smartphone-Daddeln atrophierten Finger nehmen sollen. Er heißt Felix Neureuther und ist deutlich bekannter und berühmter als andere Sportler mit ähnlichen Erfolgen. Das liegt sicher auch an seinen Auftritten in den Medien. So interviewte er sich im Österreichischen Fernsehen einmal selbst, als der Reporterplatz noch nicht besetzt war. Seine ebenfalls berühmten Eltern Rosi und Christian fuhren wie er auch öffentlich Ski, tingelten dann gefühlt jahrzehntelang durch Quiz- und Musik-Shows und bastelten insofern mit an der Marke Neureuther.

Synapsen bilden mit Red Bull

Bereits in seiner Zeit als aktiver Profisportler ist Sohn Neureuther damit aufgefallen, dass er auf einem dieser großen Gymnastikbälle knieend mit drei Bällen jonglierte, um damit, so seine Theorie, Slalomstangen schneller umkurven zu können. Er hat sich das unter anderem abgeschaut bei einem Konzept namens Life Kinetik, das als Trainingsform Wahrnehmungsaufgaben mit kognitiven Herausforderungen und ungewöhnlichen Bewegungen kombiniert. Damit soll erreicht werden, dass sich neue Synapsen zwischen den Hirnzellen bilden, um leistungsfähiger zu werden – nicht nur im Sport, sondern auch im Alltag.

Solche Bewegungsaufgaben also, aber auch andere Elemente aus dem Repertoire der Erlebnispädagogik und dem modernen Sportunterricht mixte Neureuther nun zu einem eigenen Projekt zusammen. Getragen wird es vom Bayerischen Landessportverband BLSV, promotet unter anderen vom Brausehersteller Red Bull über den Fernsehsender Servus-TV und finanziert vom Bayerischen Innenministerium. Da stellt sich schon die Frage: Was für Akteure haben sich denn da zusammengefunden für eine Initiative, die an sich sehr zu begrüßen ist?

Der Innenminister: „Weltklasse“

Aber der Reihe nach: Der BLSV ist vor allem deshalb immer wieder in den Medien präsent, weil dessen Funktionäre offenbar die Neigung haben, in die eigene Tasche zu wirtschaften. Ein Expräsident wurde wegen Betrugs und Untreue zu einer hohen Geldstrafe verurteilt und gilt als vorbestraft. Über den amtierenden Präsidenten wurde in den Medien ausführlich über mutmaßliche Vetternwirtschaft berichtet (z.B. DER SPIEGEL 48/2021). Der österreichische Konzern Red Bull sponsert vor allem Extremsportarten, dessen Akteure ihre Leidenschaft auch mal mit dem Tod bezahlen müssen. Alles nicht besonders lustig. Bleibt noch das Bayerische Innenministerium, das auch für Sport zuständig ist. In einem Videofilmchen, vom Ministerium höchstselbst auf Youtube gestellt, bezeichnet Felix Neureuther den Minister Herrmann als „Weltklasse“, weil er „sofort seine Unterstützung zugesagt hat (…) für die Sache …“. Dass „die Sache“ im Rahmen der wirklich großartigen European Championships 2022 in München dann in ein Finale mündet, das in Form eines Wettkampfs ausgetragen wird, spricht eigentlich für sich: Es geht um schneller, höher, weiter, also letztlich wieder um Sieg und Niederlage. Dabei wäre es doch toll gewesen, am Münchner Olympiaberg zwischen BMX-Parcours und Triathlonstrecke einen Kontrapunkt zu setzen, auf dass die Kids nicht gegen- sondern miteinander spielen und sporteln können. Schade eigentlich …

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