An einem Flughafen war unsereiner schon lange nicht mehr. Aus guten Gründen, auch wenn bergige oder meerige Ziele durchaus locken würden. Aber so ganz von der Welt abgeschnitten ist man nun auch nicht. Immerhin weiß auch der überzeugte Nicht-mehr-Flieger, dass es an Flughäfen kostenlose Kurzparktickets gibt, die in der bekannt anglo-amerikanischen Manier als Kiss-and-Ride-Parkplätze bezeichnet werden. Eben dieses Küssen und „Reiten“ findet nun auch an Schulen seine Liebhaber, was nur auf den ersten Blick irritiert.
Ein Problem, nicht nur in Städten, ist der Straßenverkehr vor der Schule. Denn es ist durchaus nicht mehr üblich, dass die Schülerinnen und Schüler zu Fuß oder mit dem Fahrrad zur Schule kommen, wie das Jahrzehnte lang der Fall war. Viel zu gefährlich, heißt es jetzt. Wer morgens zwischen halb acht und acht Uhr am Rande einer Innenstadt das Abenteuer auf sich nimmt, sich dem Umkreis einer Schule zu nähern, der oder die muss schon eine gehörige Portion Mut aufbringen, wenn nicht sogar besonders abgebrüht sein. Denn um diese Zeit gibt es ein Hauen und Stechen.
Manche SUVs können auch Treppensteigen
Zig gestresste Mütter und Väter wollen ihre Kleinen möglichst gleichzeitig vor dem Schulgebäude absetzen. Stoßstange an Stoßstange geht es bereits ein, zwei Blocks vor der Schule kaum noch vorwärts, weil alle partout zum Schulgebäude vordringen wollen. Denn nur da können die Schüler:innen gefahrlos aussteigen und die letzten paar Schritte hin zur Erkläranstalt tun. Aber halt, da wären ja noch die panzerartigen SUVs, die – dank Größe und aggressiver Ausstrahlung im Vorteil – um den allerbesten Ausstiegsplatz vor dem Schuleingang kämpfen für die lieben Kleinen. Modelle mit hohem Radstand schaffen es dabei sogar, auch die paar lästigen Stufen zum Schultor hoch zu überwinden. So lassen sich die letzten Schritte auf dem brandgefährlichen Bürgersteig vermeiden. (Ich sag nur: E-Roller oft mit zwei, manchmal auch drei Pilot:innen). Das siegreiche Fahrzeugmonster setzt danach selbstverständlich nicht etwa zurück, um anderen die Chance auf die Poleposition zu verschaffen. Nein, der schon beim Elternabend hyperventilierende Schnöselvater mit den weißen Sneakern windet seine Plauze aus dem Cockpit und umrundet taubenfüßig sein Gefährt, streicht mit aufreizender Gelassenheit dem gerade ins Freie gesprungenen Filius über das Basecap und wendet sich mit einer unbeholfenen Rückwärtsdrehung und linkischer Geste dem Plebs zu, der es (noch) nicht bis zum Eingangstor geschafft hat.
Schulleitungen und Gemeinden haben sich dieses Schauspiel jahrelang angesehen. Man muss ja erst mal evaluieren. Dann wurde überlegt, was zu tun ist. Ein vierstreifiger Ausbau der Zufahrtsstraßen scheidet aus – dafür müsste man halbe Stadtviertel abreißen oder gleich die Schule verlegen. Zu teuer. Also sperrt man pragmatisch – und vor allem cool – morgens und mittags den Straßenabschnitt direkt vor dem Schulgebäude für den motorisierten Verkehr. Eine Straße weiter entstehen großzügige Kiss-&-Go-Zonen für den sicheren Ausstieg der Kinder. Im oberbayerischen Ebersberg etwa hat die Gemeinde zwanzig solcher Parkplätze eingerichtet. Sie nennt das Ganze „Elternbahnhof“.
Was machen Eltern im Klassenzimmer?
Dass die Fahrt auf die Stufen vor dem Schuleingang noch zu toppen wäre, scheint kaum vorstellbar. Doch offenbar geht auch das. Die „Schule am Buntzelberg“ im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick wandte sich kürzlich in einem Brief etwas unbeholfen an die Eltern (Satzzeichenfehler hat der Kolumnist diesmal nicht korrigiert): „Um den Kindern eine sichere Lernumgebung schaffen zu können haben wir uns (…) dazu entschlossen, dass Sie Ihre Kinder im Foyer verabschieden und nicht bis zum Klassenraum begleiten. Vielen Dank für Ihr Verständnis“ Wie peinlich ist das bitte für den Nachwuchs, von der Helikopter-Mutter ins Klassenzimmer eskortiert zu werden? Vielleicht auch noch mit einem … – „Kiss“ auf die Backe.
Stich, X. (2026): Kiss & Go an Schulen. In: Zeitschrift e&l – erleben und lernen, 1, 32