Xaver Stich – die Kolumne

Der Winter 2019: War da was?

Es hat geschneit im letzten Winter. Ziemlich viel sogar. Anlass genug, die weiße Pracht mit so ziemlich jedem Superlativ von „Schnee-Chaos“ bis „Schnee-Wahnsinn“ zu versehen. Die meisten Landratsämter südlich von München riefen alsbald eilfertig den Katastrophenfall aus, so dass die Bundeswehr endlich mal funktionierendes Gerät zum Einsatz bringen konnte: Schaufeln, um potentiell gefährdete Dächer von der weißen Last zu befreien. Doch auch ohne Zutun des Militärs blieben einstürzende Altbauten weitgehend aus, was die Presse, vor allem das Fernsehen bedauernd zur Kenntnis nehmen musste. Und so sah man in Dauerschleife die immer gleichen Bilder von vermeintlich todesmutigen Männern, die Garagendächer freischaufelten und Passanten, die das Treiben interessiert beobachteten.

Ein „ernstes Sicherheitsrisiko“

Schon als die ersten Flocken gesichtet wurden, kam die große Stunde der „Lokalen Koordinierungsgruppen Schulausfall“. Auf der Website des bayerischen Kultusministeriums steht dazu, dass es „bei ungünstigen Witterungsverhältnissen“ notwendig sein kann, den Schulunterricht ausfallen zu lassen. Das besorgen dann die verantwortlichen Beamten der „Lokalen Koordinierungsgruppen“. Und wenn die erst mal entschieden haben, dann hat deren Wort natürlich auch Bestand. Längerfristig. Zu Beginn der zweiten Woche Schulausfall lag zum Beispiel in Rosenheim und in Herrsching keine Schneeflocke mehr auf der Straße oder dem Gehweg – was sich mit den Chroniken der örtlichen Webcams bequem beweisen lässt. Trotzdem: Die Schulen blieben geschlossen. Wenn man sich jetzt daran erinnert, dass es im April 2018 schon Tage mit über 30 Grad Höchsttemperatur gegeben hat, dann könnte man vom Unterrichtsausfall wegen zu viel Schnees nahtlos in den Hitzefrei-Modus wechseln. Na ja, das ist jetzt vielleicht etwas übertrieben. Bleiben wir an dieser Stelle also sachlich und schauen uns an, wie der mit seinem Amt noch etwas fremdelnde bayerische Kultusminister das sieht. Im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk sagt er: „Im Lehrplan ist immer Luft drin. Gerade für solche Verhältnisse.“ Das überrascht den aufmerksamen Beobachter der hiesigen Schulpolitik dann doch etwas. Denn wenn es um zusätzlichen Sportunterricht oder um Projektwochen geht, in denen die Schüler mal eine mehrtägige Expedition außerhalb der Lehranstalt unternehmen könnten, dann heißt es immer, dass im engen Lehrplan kein Raum dafür wäre. Wenn’s mal etwas ergiebiger schneit, dann schaut das offenbar anders aus.

Für die Lehrkräfte heißt es: Dienst ist Dienst …

Komischerweise mussten die Lehrer zum Dienst in der Schule antreten, was erst mal irritiert, denn eigentlich müssten diese doch ebenso wie die Schüler vor einstürzenden Klassenzimmerdecken oder unter der Schneelast zusammenkrachenden Bäumen auf ihrem Schulweg geschützt werden. So ganz konsistent ist die Regelung also nicht, wenn man davon absieht, dass sich der Lehrkörper endlich mal ungestört von nervenden Zöglingen mit sich selbst beschäftigen kann. Denn die Zukunft der Schule wird hier schon mal vorweggenommen: Über ein „Portal Mebis“ können die Lehrkräfte nebenbei digital mit den Schülern kommunizieren. Bei längeren wetterbedingten Schulausfällen, so sagt das eine Schulleiterin aus dem Allgäu, sei das eine Alternative zum Unterricht im Klassenzimmer. So läuft der Hase also. Der direkte Kontakt zwischen Lehrern und Schülern wird ersetzt durch den digitalen Chat. Eine fünf Milliarden Euro teure Anschubfinanzierung, die vor Kurzem das Bundesbildungsministerium auf den Weg gebracht hat, passt da perfekt ins Bild. Dass die vielbeachtete Hattie-Studie eine auch körperlich präsente Lehrkraft als wichtigsten Faktor für gelingendes Lernen ausmacht, das spielt wieder mal keine Rolle. Denn das ist offenbar Schnee von gestern.

aus:
Xaver Stich: Der Winter 2019: War da was? In: erleben und lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 2/2019, S. 32

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