Wieviel Risiko …?

Wenn ein Seemann im 19. Jahrhundert in die Londoner Themse fiel, ist er nicht etwa ertrunken, sondern an den üblen Ausdünstungen und Giftdämpfen der Kloake erstickt – schreibt Ulrich Beck 1986 in seinem Buch „Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne.“[1] Inzwischen wurde die „andere Moderne“ längst überholt von der Post-Moderne, der natürlich – wie bei der Industrie 4.0 – eine Post-Post-Moderne folgt, die aber, so wird gemutmaßt, auch schon wieder überholt ist. Heutige Risiken, darauf wollte Beck hinaus, sind meist nicht mehr so klar und direkt erfahrbar wie im vorvorigen Jahrhundert. Sie entziehen sich der unmittelbaren Wahrnehmung. Abstrakt und glatt gebügelt werden sie in Themen wie CO2, Glyphosat und Nitrat gegossen und in die einschlägigen Talkshows entsorgt.

Während es also für die Londoner Bürger damals sinnvoll war, die noch recht schmalen Brücken über die Themse achtsam, am besten nüchtern zu überqueren, diskutiert man heute in Berlin und München Flussbäder an Spree und Isar. Damit ist nicht gemeint, dass sich alles zum Besseren gewendet hätte im Lauf der Jahre. Nein, es stellt sich vielmehr die Frage, wie wir heutzutage mit Risiken umgehen. Und für pädagogisch Engagierte: wie die uns anvertrauten Kinder und Jugendliche am besten an Risiken herangeführt werden. Einen interessanten Beitrag dazu kann man bei Willi Unsoeld nachlesen, der sich in den 1960er Jahren im kalifornischen Yosemite und im nepalesischen Himalaya mit einigen Erstbesteigungen einen Namen machen konnte. Unsoeld war später für Outward Bound USA als Vortragsredner unterwegs. Überliefert ist sein Rat an eine Mutter, der er auf die Frage, ob der erlebnispädagogische Kurs, den ihr Sohn besuchen sollte, sicher sei, so beantwortete: „I can’t guarantee you your son won’t die. But I can guarantee you if you continue to stifle[2] him, his soul will surely die.“[3] Man stelle sich vor, eine Erlebnispädagogin würde auf einem Elternabend einer deutschen Schule auf diese Weise Stellung beziehen. Man würde sie auf der Stelle für verrückt erklären.

Phänotypisch verwandt mit Unsoeld ist Werner Munter, ein Schweizer Bergführer und Lawinenexperte. Schon äußerlich passt der 74-Jährige so gar nicht in unsere Post-oder-sonst-wie-Moderne mit seiner Hippiefrisur und seinem zerzausten Bart, der ihm fast bis zum Bauchnabel reicht. In einem Interview empfahl er unlängst einen Risikounterricht in der Schule, wo man lernt, „gute Risiken“ von „schlechten Risiken“ zu unterscheiden, wobei er offenließ, was nun gut und was schlecht ist. Jedenfalls könne man in einer zivilisierten Gesellschaft nicht ohne Risiken leben. Für ihn sei Risiko Wahlfreiheit, was auch heißt, so Munter, „… dass du richtig oder falsch entscheiden kannst. Würdest du immer richtig entscheiden, wärst du ferngesteuert“.[4] Auch wenn Werner Munter die Kategorie Risiko ziemlich individualisiert, was bei der Überquerung der Themse in früheren Zeiten sicher Sinn gemacht hätte, so trifft er doch ziemlich genau den Geist der Jetztzeit, in der – Vorsicht, Klischee! – nicht Helikopter- sondern SUV-Mütter ihre Filiusse bis an die Kindergartentür fahren. Um im Rückwärtsgang dann …

Nun ja, warten wir doch besser auf die Post-Post-Post-Moderne mit dem Internet der Dinge und der autonomen Mobilität. Denn dann haben wir endlich alle Risiken externalisiert.

aus:
Xaver Stich: Wieviel Risiko braucht der Mensch? In: erleben und lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 6/2017, S. 30

 

Anmerkungen:

[1] Beck, U.: Risikogesellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne. Frankfurt/M. 1986

[2] to stifle = einengen, ersticken

[3] Will Unsoeld in: Outward Bound USA (Hrsg.): Leadership the Outward Bound Way. Becoming a Better Leader in the Workplace, in the Wilderness, and in Your Community. Seattle, WA 2007

[4] Berge im Kopf. Wieviel Risiko braucht das Leben. Dokumentarfilm von Matthias Affolter. Zürich 2014

 

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