Xaver Stich – die Kolumne

Was treibt Erlebnispädagogen in die VUCA-Welt?

Vor ziemlich langer Zeit, ich vermute mal es war im letzten Jahrhundert, da wurden die ersten Träger der Erlebnispädagogik auf Bildungsmessen wie der Didacta und der Worlddidac gesichtet. Angefixt vom Geruch des großen Geldes wollte man eindringen in die Welt der Personalentwickler und Change Manager. (Gegendert wird hier nicht, denn das waren damals meistens Männer.) Die standen dann erstaunt und irgendwie ratlos vor zeltartigen Gebilden, an denen seltsame Stricke und Helme hingen, die man landläufig eher Bauarbeitern und Feuerwehrleuten zuordnet. Es dauerte dann fast ein Jahrzehnt, bis die Schlipsträger nicht nur einige wenige Versuchskaninchen aus dem unternehmerischen Unterbau, sondern ganze Manager-Gilden in die naturalistisch-vitale Sphäre der Outdoor-Andragogik entsandte. Sorry, aber so ähnlich hallte das mal aus einem Lehrstuhl der Erziehungswissenschaft. Statt im dunklen Dreiteiler standen die Business-Leute also in unförmigen, farblich grenzwertigen Ballonseide-Jacken ziemlich bedröppelt vor improvisierten Seilgärten, die man kurz zuvor zwischen praktischerweise schon vorhandenen Bäumen hochziehen ließ. Aber nicht nur das. Die umtriebigen Outdoor-Anbieter hatten auch kommunikativ aufgerüstet: Selbst Walser Bergführer, die östlich der Iller sprachlich, aber auch sonst niemand verstand, knödelten plötzlich von Strategie und Teambuilding. Da trafen zwei Welten aufeinander, die sich zuvor nur im Tourismus und in Heimatfilmen begegnet sind.

Siggi rockt den Kongress
Aber das alles war gestern oder besser vorgestern. Heutzutage findet man im E-Mail-Eingang – ja richtig, Xaver Stich hat Internet! – die Ausschreibung eines „Adventure Campus“ einer Hochschule, die im Rahmen eines Kongresses einen Workshop ankündigt, der „Outdoor Führungskräfte Training und Leadership in der VUCA Welt“ heißt. Aber was bitte ist eine „VUCA Welt“? Muss man die kennen, wenn man sich für Erlebnispädagogik und Outdoor-Trainings interessiert? Die naheliegende Suchmaschine spuckt zu diesem Akronym folgende Begriffe aus: volatility, uncertainty, complexity und ambiguity. Klingt erst mal beeindruckend. Na gut, Votalität kennt man aus dem Börsenbericht vor der Tagesschau und Ambiguitätstoleranz stand schon in den 1980er Jahren in einer „Wirkungsanalyse“ zu erlebnispädagogischen Kursen, über die auch heute noch gestritten wird. Dass alles unsicher und komplex geworden ist: geschenkt. Aber es stellt sich schon die Frage, ob es die Kongress-Macher nicht ein wenig übertreiben, wenn sie sich mit diesem Management-Sprech an das große Business ranschmeißen. Denn es ist und bleibt ein ungleiches Paar: Die Welt von Industrie und Wirtschaft auf der einen Seite und die doch recht übersichtliche Szene von Erlebnispädagogik und Outdoor-Trainings auf der anderen. Das zeigt sich schon im Programm dieses Kongresses: Die meisten Referenten, nämlich dreizehn Männer und drei Frauen aus dem Hochschulbetrieb und den hier unvermeidlichen Unternehmensberatungen werden mit Professoren- und Doktortiteln angekündigt, während man beim einzig als Erlebnispädagogen aufgeführten „Siggi“ ostentativ den Nachnamen weglässt. Siggi mit zwei ‚G‘ – das muss reichen. Er macht ja nur eine „geführte Mountainbiketour“, viel reden oder sogar was Intelligentes beisteuern wird er wohl sowieso nicht, also reicht der Vorname völlig. Ob sich die Kongress-Verantwortlichen da nicht täuschen? Drücken wir also Siggi die Daumen, dass er sich mit vollem Namen vorstellt und dann den Kongress rockt. Go, Siggi, go.

aus:
Xaver Stich: Was treibt Erlebnispädagogen in die VUCA-Welt. In: erleben und lernen. Internationale Zeitschrift für handlungsorientiertes Lernen 6/2018, S. 32

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